Sonntag, 18. Dezember 2005

Mit Tom im Bett

Nachtrag vom vorletzten Donnerstag. Tom Liwa spielt im Bett in Sachsenhausen. Ich glaube, das wird meine neue Lieblingslocation. Im ganzen nicht viel größer als mein Wohnzimmer, hinten eine Bar, vorne eine kleine Bühne mit einer Tanzfläche davor, die jetzt mit Tischen und Stühlen bestellt ist. Draußen an der Tür kein Schild, nur ein provisorisch angehefteter Zettel: "Das Bett". Drinnen Kerzen auf jedem Tisch, Bilder an der Wand, ruhige Harfenmusik. Man fühlt sich in eine Traumwelt versetzt. Ich beginne sofort, mich zu entspannen. Auf der kleinen Bühne vorne zwei Gitarren, ein weißer Küchenstuhl, ein Mikro, ein Monitor. Ich lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Nichts ist überladen, nichts ist zu laut oder zu hell, alles ist, ja, angemessen. Ein Ort zum erden, zum entspannen und sich sammeln. Man kommt rein und denkt: es war gut, hierherzukommen. Ein Erholungsort für geschundene Seelen. Auch meine war am Donnerstag nicht wenig strapaziert, und ich merke, wie sie es sich auf dem Stuhl neben mir bequem macht, sich neugierig umsieht und beginnt, sich mit mir zusammen auf Toms Auftritt zu freuen.
Die zwei Gitarren: Eine Takamine, und dann die Handfertigung dieses kleinen Gitarrenbauers, als Ersatz für Toms geliebte alte rote, die ihm damals geklaut worden war (wenn stimmt, was er uns im Trauma in Marburg erzählt hat).
Inzwischen füllen sich die Tische. Alle scheinen entspannt und unterhalten sich still. Wer weiß, woher Tom dieses entspannte Publikum bezieht, das seinen Auftritten den angemessen feierlich-alltäglichen Rahmen gibt, ohne den sie nur die Hälfte wert wären? Auch das seltsame Mädchen ist da, es sitzt ganz vorne links und liest die Rundschau. Tom wird sie im Laufe des Abends immer wieder ansehen, und sie wird immer wieder nicht darauf reagieren.
Rechts neben mir ein Beckstrinker. Jede Menge interessante Leute! Sympathische Leute, selbst der in der dritten Reihe, der so böse nach hinten schaut. Die Plätze sind jetzt alle besetzt, ausverkauft.
Eine gute halbe Stunde nach der angekündigten Zeit erscheint Herr Liwa wie immer unauffällig durch den normalen (und einzigen) Eingang. Er wechselt ein paar Worte mit dem Barkeeper, der auch gleichzeitig der Mixer ist, und geht dann nach vorne durch auf die Bühne. Tom trägt den klassischen Seemannsbart, ein ungewohnter Anblick. Und er spielt im Stehen, auch ungewohnt. Die ersten Töne der Takamine klingen wie eine Erinnerung an zuhause: Das ist die Gitarre, die auf "Voeding" zu hören ist. "Geh dahin, wo der Zweifel Dich hinführt, und dann vergiß den Zweifel", singt Tom, und: "Wenn ich sterb, dann leg ein Laken über mein Bett, und schreib auf meinen Grabstein: ich wollte nie Dein Boß sein."

"Ein Bild – tausendmal beschrieben, wie Engel, die durch Dich durch fliegen."

Seinen letzten Zeilen von "Stadion" fügt er heute noch zwei hinzu, sie lauten jetzt: "Von all den Idioten / bin ich ohne Zweifel der größte / gigantisch und müde / für immer Dein. / Jetzt darfst Du / jetzt darfst Du / jetzt darfst Du / mich anfassen. — Außer, Du willst nicht, denn wenn Du nicht willst, dann darfst Du auch nicht."
Wie gut, daß es Tom gibt.

Setlist:
Zugaben:

Kommentare:

  1. Lieber Rüdiger, jetzt habe ich es ganz gelesen.
    Bei uns war Tom rasiert. Ich glaube (außer in mir) war die Stimmung nicht so schön, wie es wohl bei Euch gewesen ist.

    Ach ja, ich finde gerade auch Faultier und Ich habe getanzt (ich w a r der Tanz!) besonders reizvoll.
    Gute Nacht!
    Susanna

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  2. Bei Toms letzten Auftritt in MS in der Luna-Bar (diese Reihe ist ja wohl ausgelaufen oder eingestellt worden oder whatever) wären wir ja fast rausgeflogen. einer isses jedenfalls. dieser Auftritt hat mein verhältnis zu tom (umgekehrt vermutlich auch, wenn ein star wie tom überhaupt verhältnisse zu (und natütlich nicht mit, gott bewahre) seinen zuhörern hat) nachhaltig beeinträchtigt. ich fand ihn ein bisschen bescheuert. ok er macht die besten songs, aber er kann auch eine kollossale nervensäge sein.

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  3. So, dann hab ich auch mal die Links korrigiert. Der gute Tom hat heimlich seine Website überarbeitet.

    Vielleicht möchte il Pappa noch etwas über sein vorgenanntes gegenseitiges (wechselseitiges? abseitiges?) Verhältnis zu und/oder mit oder/und auch ohne Tom erzählen?

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  4. Ne das nicht. Aber Dein Kommentar zu diesem Konzert hat es auf die Homepages des Betttes geschafft!

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