Freitag, 6. Oktober 2006

Der Lesende

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos.

Wie schön. Meine Kollegin Inna hat mich (und das tut sie öfter) heute Mittag in der Kantine überrascht, indem sie auswendig die russische Übersetzung eines Gedichtes von Rilke rezitierte. Wie sie sagt war sie nachträglich von der deutschen Originalfassung enttäuscht, da sie offenbar nicht die gleiche sprachliche Schönheit besitzt. Obgleich ich das mangels sprachlicher Fähigkeiten nicht nachempfinden kann, so kann ich es mir bei einer wirklich guten Übersetzung jedoch vorstellen.

Der Lesende

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag,
mit Regen rauschend, an den Fenstern lag.
Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr:
mein Buch war schwer.
Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen,
die dunkel werden von Nachdenklichkeit,
und um mein Lesen staute sich die Zeit. —
Auf einmal sind die Seiten überschienen,
und statt der bangen Wortverworrenheit
steht: Abend, Abend… überall auf ihnen.
Ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen
die langen Zeilen, und die Worte rollen
von ihren Fäden fort, wohin sie wollen…
Da weiß ich es: über den übervollen
glänzenden Gärten sind die Himmel weit;
die Sonne hat noch einmal kommen sollen. —
Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht:
zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute,
dunkel, auf langen Wegen, gehn die Leute,
und seltsam weit, als ob es mehr bedeute,
hört man das Wenige, das noch geschieht.

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe,
wird nichts befremdlich sein und alles groß.
Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe,
und hier und dort ist alles grenzenlos;
nur daß ich mich noch mehr damit verwebe,
wenn meine Blicke an die Dinge passen
und an die ernste Einfachheit der Massen, —
da wächst die Erde über sich hinaus.
Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen:
der erste Stern ist wie das letzte Haus.

Rainer Maria Rilke, aus: Das Buch der Bilder

Kommentare:

  1. Rilke macht mich immer sentimental..... wow..... wusste Rilke wohl, dass er auf russisch noch besser klingt?

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  2. Tja, gute Frage. Vielleicht klingen wir alle auf russisch viel besser?

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  3. hehe.... angenommen, du wüsstest, dass du auf russisch viel besser klingst, würdest du dann russisch lernen?

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  4. also ich kann ja auch kein russisch, würde es auch nicht lernen wollen, um besser zu klingen (bin zu fual und mit dem Klang soweit auch zufrieden)
    Aber ich finde es klingt auch auf Deutsch ausgesprochen schön.
    Ich frage mich auch, ob es nicht auch ein Phänomen a) der Muttersprachlichkeit oder b) des "Zuerst-Kennenlernens" sein könnte.

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  5. Ich stimme Dir zu. Das waren auch meine Vermutungen. Man kann in einer oder mehreren Fremdsprache außgesprochen gut sein (wie Inna z.B.), und trotzdem spürt man in seiner Muttersprache doch immer noch mehr Details und unterschwellige Färbungen mitschwingen.

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